Predigt zum Christkönigssonntag (B)
am 24. November 2012
Lesung:  Dan. 7, 2a. 13b-14
Autor: P.Heribert Graab S.J.
Schon oft haben wir
bei der Betrachtung von Schrifttexten festgestellt,
wie wichtig es zum richtigen Verständnis ist,
den eigentlichen Inhalt der Offenbarung
- die Glaubensaussage also -
und deren zeitbedingten und kulturellen Hintergrund
auseinander zu halten.
Diese Unterscheidung ist jedoch
nicht nur bei Schrifttexten erforderlich,
sondern ebenso sehr,
wenn es um die Glaubensverkündigung späterer Zeiten geht.

Konkret geht es heute darum, die Bedeutung des Christkönigsfestes
für unseren Glauben zu verstehen.
Auch dafür müssen wir klären,
was wir als christlich Glaubende eigentlich meinen,
wenn wir Christus den ‘König’ nennen,
und inwieweit das Verständnis dieses Wortes vom ‘König’
vermengt ist mit geschichtlich wandelbaren Inhalten.

Zunächst einmal geht ja kein Weg daran vorbei,
daß dieses Wort ‘König’ vor allem eine politische Bedeutung hat.
Zugleich geht aber auch kein Weg daran vorbei,
daß Jesus selbst sich strikt dagegen verwahrt,
Sein Königtum politisch zu interpretieren:
Einmal tut Er das, indem Er vor der Menschenmenge,
die Ihn zum König machen will, regelrecht flieht. (Joh. 6, 15).
Zum anderen sagt Er in Seinem Verhör vor Pilatus:
“Mein Königtum ist nicht von dieser Welt.” (Joh. 18, 36).
Erst nach dieser Klarstellung gibt Er auf die Nachfrage des Pilatus zu:
“Du sagst es, ich bin ein König”,
um dann aber sofort hinzuzufügen:
“Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen,
daß ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.” (Joh. 18, 37).
Natürlich denkt Pilatus ganz und gar in den Kategorien dieser Welt
und versteht Königtum als politische Institution.
So ist seine Schlußbemerkung mehr als verständlich:
“Was ist schon Wahrheit?” (Joh. 18, 38).
Ein Königtum, das der Wahrheit verpflichtet ist,
kann Er sich schlicht nicht vorstellen.
Und ich denke: Da steht er nicht allein!

Vermutlich aus diesem Grund vermeidet Jesus es,
sich selbst ‘König’ zu nennen,
oder auch nur zuzulassen, daß andere das tun.
Jesus zieht es vor, von sich als dem “Menschensohn” zu sprechen.
Auf diesen messianischen Titel der Tradition weicht Er z.B. aus,
als Natanael Ihn den “König von Israel” nannte. (Joh. 1, 49-51).
Auch Seine berühmte Gerichtsrede (Mt. 25, 31 ff.)
eröffnet Jesus mit den Worten:
“Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt...
dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.”
Unter diesem endzeitlichen Vorzeichen
kann Jesus dann im Folgenden auch einfach “König” sagen.

Jesus betont also immer wieder
den endzeitlichen Charakter  Seiner Botschaft
“vom Menschensohn auf dem Thron seiner Herrlichkeit”.
Dementsprechend können wir zwar
verkürzend vom Königtum Jesu Christi sprechen,
setzen uns damit aber immer wieder
der Gefahr genau jenes Mißverständnisses aus,
das Jesus selbst auf Biegen und Brechen vermeiden wollte.

Auf diesem Hintergrund ist nun eine Besinnung
auf das Christkönigsfest ganz interessant:
Dieses Fest wurde erst 1925 von Pius XI. eingeführt.
Der Papst verfolgte damit durchaus innerweltliche Ziele.
Es ging ihm um einen Kontrapunkt
zur fortschreitenden Säkularisierung,
konkret um die ‘Herrschaft Christi’
in den Familien, in der Gesellschaft, und in staatlichen Institutionen.
Es ging ihm zudem darum,
dem totalen Machtanspruch des Faschismus etwas entgegenzusetzen.

Vor allem in Deutschland wurde ‘Christkönig’ auch im Kontext
der alten germanischen Institution der ‘Gefolgschaft’ verstanden:
Christen und vor allem die Jugend verstanden sich als Gefolgsleute,
die in bedingungsloser Treue
und bis zur Aufgabe des eigenen Lebens
zu Christus, ihrem Gefolgsherrn, stehen wollten.
Diese Ideologie wurde demonstriert mit wehenden Fahnen
und mit Aufmärschen in weißen Hemden
zum sog. Bekenntnistag der Jugend am Christkönigstag.

Die Nazis haben dann nur noch die Symbole der Fahnen
und die Farben der Hemden ändern müssen für ihr
“Führer befiehl! Wir folgen dir.”
Nichts konnte klarer vor Augen führen,
wie sehr Jesus zu Recht
den Mißbrauch des Wortes vom König fürchtete.
 
Vor allem aber müssen wir jetzt auf die Frage eine Antwort finden:
Was kann Christkönig für einen gelebten Glauben heute bedeuten?
Wie wirkt das endzeitliche ‘Königtum’ Jesu Christi
in unsere Welt und in unsere Zeit hinein?
Läßt sich der autoritär geprägte Königsbegriff
mit dem demokratischem Denken unserer Umgebung
sinnvoll zusammenbringen?

Die Rede vom ‘endzeitlichen Königtum’ Jesu Christi besagt:
Die ganze Schöpfung zielt
auf ihre Vollendung in der Ewigkeit Gottes hin.
Dann wird Christus alles in allem sein.
Die ganze Wirklichkeit orientiert sich dann an den Maßstäben,
die Er durch die Offenbarung der Liebe Gottes endgültig gesetzt hat.
Als der menschgewordene Gott, als der ‘Menschensohn’
bildet Er zugleich die Brücke zwischen Zeit und Ewigkeit.
Die Zeit und jeder Augenblick des Lebens in der Zeit
ist jetzt und hier schon umfangen von Gottes Ewigkeit
und ‘aufgehoben’ in Seiner Liebe.
In diesem Sinne kann man durchaus sagen:
Jesus Christus ‘herrscht als König’ in Zeit und Ewigkeit.

Konkret heißt das jedoch:
Er lädt uns ein oder drängt uns sogar, in Freiheit ‘Ja’ zu sagen
zu einem Leben, das von Seiner Liebe geprägt ist.
Orientierungen zu einem solchen Leben
finden wir in Seinem eigenen Leben in der Zeit,
in Seinem Evangelium also
und in allen Schriften des Neuen Testamentes,
die ja den Geist Seines Evangeliums atmen.
Es mag manch einen überraschen, wie viele dieser Orientierungen
weitgehend einer entwickelten demokratischen Kultur entsprechen.

Da möchte ich zunächst einmal den ersten Petrusbrief zitieren:
“Ihr alle, die ihr glaubt, seid ein auserwähltes Geschlecht,
eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk,
das sein besonderes Eigentum wurde,
damit ihr die großen Taten dessen verkündet,
der euch aus der Finsternis
in sein wunderbares Licht gerufen hat.” (1. Petr. 2, 9).
Schöner kann man doch den demokratischen Gleichheitsgrundsatz
kaum ausdrücken:
Wir alle sind als Glaubende und Getaufte in der Kirche Jesu Christi
‘Könige’ und ‘Priester’
- ‘Königinnen’ und ‘Priesterinnen’ selbstverständlich auch -
jedenfalls Auserwählte und Berufene zur Verkündigung -
ohne Unterschied.

Dabei geht es nicht in erster Linie
um demokratische Strukturen in der Kirche
- darüber sprechen wir heute mal nicht;
da geht es vor allem um Einstellungen:
Etwa um die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen,
auch um die Achtung vor den Mitwirkungsrechten anderer,
und natürlich um die Hochschätzung der Meinung anderer
- eine grundlegende Einigkeit
über das Unabstimmbare des Glaubens vorausgesetzt.
Wenn man allein diesen kurzen Text des Petrusbriefes zugrunde legt,
der ja im Plural des ‘wandernden Gottesvolkes’ spricht,
dann ergeben sich daraus auch Folgerungen
wie Bereitschaft zum Hören aufeinander, Toleranz, Solidarität
und partnerschaftliches Umgehen miteinander.

Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang
die Belehrung Jesu über das Herrschen und Dienen (Mk. 10, 35-45):
“Ihr wißt, daß die, die als Herrscher gelten,
ihre Völker unterdrücken
und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen mißbrauchen.
Bei euch aber soll es nicht so sein,
sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein...”.
Auch da geht’s in erster Linie um Einstellungen,
und zwar um Einstellungen bei allen,
die zur Gemeinschaft Jesu Christi gehören,
welchen Dienst sie auch immer verrichten
und welche Leitungsfunktion sie auch ausüben.
Das gilt nicht nur ‘für die da oben’,
sondern schon für jeden ‘kleinen’ Ehrenamtlichen in der Gemeinde.

Wir alle sind ‘Könige’ und ‘Königinnen’
in der Gemeinschaft mit Christus, dem König.
Der aber reitet nicht groß-mächtig auf einem prächtigen Pferd,
sondern der sitzt beim Einzug in Seine Königsstadt
auf einem schlichten Esel, dem Lasttier der kleinen Leute.
So können die Evangelisten aus der Verheißung zitieren:
“Sagt der Tochter Zion:
Siehe, dein König kommt zu dir.
Er ist friedfertig (und gewaltlos).
Er reitet auf einer Eselin,
und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers.” (Mt. 21, 5 u.a.).

In diesem Sinne möchte ich Sie heute einladen:
Fühlen Sie sich in der Kirche als Könige!
Übernehmen Sie Verantwortung!
Stellen Sie sich in den Dienst am Gemeinwohl
der kommenden ‘Königsherrschaft Gottes’.

Amen.